Flohwinkel

Flohwinkel
Am nördlichen Ende der Breiten Straße und teilweise am Bäckerklint lag der sogenannte „Flohwinkel“: eine malerische dreiteilige Gebäudezeile mit Jahrhunderte alten Fachwerkhäusern.
Warum dieses Ensemble als Kleinod städtischer Tourismusziele diesen Namen bekam ist unbekannt. Zuerst taucht er im Grundbuch mit dem Zusatz „Breite Straße“ um 1700 auf. Vielleicht handelte man in dieser Zeit dort mit gebrauchten Kleidungsstücken, die aufgrund fehlender Hygienemöglichkeiten fast immer von Flöhen besiedelt waren, dazu der Winkel als fest begrenzter Ort. Der Name Flohmarkt, auch um diese Zeit in Frankreich (marché aux puces) entstanden, hat diesen Hintergrund. Es gibt übrigens gezählte 73 Floharten in Deutschland, weltweit über 2.000. Der Floh ist klein (Körpergröße bis drei Millimeter), hat sechs Beine, kann so gut wie nichts sehen (allenfalls Hell und Dunkel) und ist von einem Chitinpanzer umhüllt. Es ist ihm daher unmöglich rückwärts zu gehen. Seine Sprünge sind legendär: in der Höhe und Weite das hundertfache seiner Körpergröße (30 Zentimeter). Allerdings kann er sich auch aufgrund der geringen Sehfähigkeit schlecht orientieren und so wird es öfter ein Sprung in den Tod. Wenn dieses nicht geschieht, lebt er einen Sommer. In dieser Zeit legt das Weibchen bis zu 400 Eier, die nach sieben bis 14 Tagen zu Flöhen werden, in warmen Sommern steht einer Plage also nichts im Wege. Wenn die natürlichen Wirte wie Hunde und Katzen nicht in der Nähe sind, wird es für den Menschen ungemütlich. Dann kommt der Floh zu ihm. Im kollektiven Gedächtnis ist er ein Hassobjekt geblieben, auch als Überträger der Pest des Mittelalters (1347-53). Diese rottete bis zur Hälfte der damaligen Bevölkerung Europas aus.
Mittig sehen Sie auf der Ansicht von 1910 das Eulenspiegelhaus, welches als zentrales Gebäude zum Flohwinkel gehörte. Der Sage nach soll der „Spaßmacher“ Till Eulenspiegel im 14. Jahrhundert im Braunschweiger Land seine Späße und Streiche veranstaltet haben. Speziell hier in einem Vorläufergebäude (das Eulenspiegelhaus wurde um 1630 erbaut) gab es auch eine Bäckerei und Till wollte dort nach der Erzählung als Bäckergeselle arbeiten. Der Meister ließ ihn gewähren und so buk er aus Teig geformte Eulen und Meerkatzen (eine Affenart), was dem Bäcker nicht gefiel, da er dachte, diese nicht verkaufen zu können. Er verlangte und bekam von Till die Kosten für den Teig ersetzt. Dieser wurde aber die Backwaren reißend los und machte einen guten Gewinn dabei. Daraufhin wollte der Bäckermeister noch mehr Geld von ihm, zum Beispiel für Holz und Benutzung des Ofens. Eulenspiegel war aber schon weit weg und freute sich des Lebens. Die Moral: wer nichts Neues versucht, kann nichts gewinnen. In der Bäckerei des Eulenspiegelhauses um 1900 wurden Teig-Eulen und –Meerkatzen als touristische Mitbringsel verkauft (bis 1939 circa 300 Stück per Tag). Die Geschichten von Till Eulenspiegel wurden 1510 erstmalig von einem unbekannten Verfasser als Volksbuch veröffentlicht. Die reale Person Till ist bis heute umstritten, nicht wenige Historiker halten ihn für ein Produkt der Erzählliteratur, einige sogar als Verkörperung des Bösen.
Neben dem Eulenspiegelhaus befand sich das Haus zum wilden Mann. Der wilde Mann ist nach der Sage ein Berggeist. Die Verkörperung der wilden Naturkraft, die im Gebirge natürlich besonders in Erscheinung tritt.

1910 – Flohwinkel Blickrichtung Bäckerklint.
2020 – es gibt zwar Bäume, aber ansonsten ist es etwas trostlos.

Die Geschichte vom wilden Mann
Es wurden im Braunschweiger Land ab 1539 Münzen mit dem Bildnis dieser Gestalt (zotteliger, bärtiger, großer Mann mit einem ausgerissenen Baum in der Hand) geprägt, die bekanntesten heißen Wildermann Taler. Viele Restaurants, Hotels und Herbergen nannten sich: Zum wilden Mann. Eine Geschichte zum wilden Mann erzählt: Durch die Zerstörung der Harzer Silberminen in den Jahren 1168 und 1180 durch Herzog Heinrich den Löwen, wanderten die dortigen Bergleute ins Erzgebirge. Anfang des 16. Jahrhunderts holten die Braunschweiger Herzöge erzgebirgische Bergleute nach Goslar, um wieder Silber im größeren Stil abzubauen. Im unwirtlichen Innerstetal fingen sie einen wilden Mann, der hier mit seiner Frau zusammen lebte. Er verstarb aber; dort wo er lebte, fanden sie große Silbervorkommen. Hier wurde 1529 die Oberharzbergstadt Wildemann gegründet (heute rund 800 Einwohner). Der gesamte Flohwinkel in Braunschweig überlebte die verheerende Bomben-Zerstörung vom Oktober 1944 nicht.

Dieser Artikel ist ein Teil der Magazinreihe „Damals & heute“, herausgegeben von FUNKE Medien Niedersachsen GmbH. Text von Dirk Teckentrup – Ihr Immobilienmakler Braunschweig.

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