Großes Waisenhaus

Großes Waisenhaus

Das Große Waisenhaus in Braunschweig befand sich zur Zeit unserer Ansicht 1906 an der Straße „Hinter Liebfrauen“ im südlichen Stadtgebiet, im Dunstkreis der St. Ägidienkirche. Dessen Geschichte geht bis 1245 zurück.

Damals stifteten wohlhabende Bürger das Marienhospital samt einer kleinen Kirche gleichen Namens und zu deren Unterhaltung weitläufigen Landbesitz. Dieses Stiftungsvermögen existiert noch heute im Wesentlichen in Grundbesitz. St. Marien war eine Zufluchtsstätte für Kranke und Gebrechliche. 1676/77 hat Herzog Rudolf August das Hospital in ein Armen-, Waisen-, Zucht- und Werkhaus umgestaltet. Hier wurden bettelnde, von den Eltern verlassene Kinder und Waisen unter 14 Jahren aufgenommen. Ab 1750 separierte man die Waisenkinder von den übrigen Heimbewohnern und gründete zudem eine Waisenhausschule, in der auch bürgerliche Kinder unterrichtet werden konnten, 1917 löste man sie auf. Nach dem Abriss der kleinen mittelalterlichen Marienkirche baute der herzogliche Hofbaumeister Carl Christoph Wilhelm Fleischer (1727-1787) den auf der alten Ansicht zu sehenden Gebäudekomplex in klassizistischer Ausführung. Dieses Ensemble bildete den größten zusammenhängenden Komplex der Braunschweiger Innenstadt. Im Jahr 1944 zerstörten Bomben ihn komplett.

1906 – klassizistische Architektur – das Große Waisenhaus
2020 – das ehemalige Waisenhaus – heute ein Hotel.

Schlichter Bau mit zwei Geschossen

Nach dem Krieg wurde ein schlichter zweigeschossiger Bau in Anlehnung an den ehemaligen Stil wiedererrichtet. Der in der Nachkriegszeit geschaffene Straßendurchbruch zwischen Friedrich Wilhelm Straße und Bohlweg heißt als Erinnerung „Waisenhausdamm“. Das Braunschweiger Waisenhaus zog nach provisiorischer Unterbringung im ehemaligen Luftwaffenkommando in der Grünewaldstraße 1962 an die Salzdahlumer Straße. Aufgrund von sinkenden Zahlen an Sozialwaisen wurden in den 1980er-Jahren vier von fünf Gebäuden zu Jugendgästehäusern umgebaut, die inzwischen beseitigt wurden, um anderen Neubauten Platz zu machen.

In der Antike waren ausgesetzte Kinder und Waisenkinder rechtlos und wurden häufig versklavt. Das änderte sich mit dem Aufkommen des Christentums: Hier galten Findelkinder und Waisen als besonders schutzwürdig und hilfsbedürftig. Im europäischen Mittelalter entstanden von Italien ausgehend zunehmend Findelhäuser, in ihnen wurden sie auf Kosten der Bürgerschaft versorgt und bekamen eine entsprechende Ausbildung. Diese Einrichtungen haben trotz mancher vielleicht vorstellbaren Missstände sicher sehr viel mehr Gutes bewirkt, als wenn es sie nicht gegeben hätte.

Dunkles Kapitel: die Kriegswaisen

In diesem Zusammenhang ist „Oliver Twist“ von Charles Dickens eine mit Happy End gesegnete Lektüre. In der jüngeren deutschen Geschichte ist ein dunkles Kapitel das der Kriegswaisen des Zweiten Weltkrieges. Eine davon ist Rotraud B. Wie sie erzählt, floh sie 1945 mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern von Danzig nach Mecklenburg. Sie kamen auf einem Dachboden in der Nähe von Güstrow unter. Die Mutter wurde von Rotarmisten vergewaltigt. Dadurch wurde sie schwanger und verstarb in einer Klinik bei der Abtreibung. Rotraud B. erinnerte sich noch an den Tag der Todesnachricht: „Man hat damals so viel Schreckliches erlebt, wirkliche Trauer konnte ich gar nicht mehr empfinden. Das Trauma wurde mir erst sehr viel später bewusst“. Die sieben Kinder (zwischen eins und elf Jahren) kommen in eins der aus dem Boden geschossenen 121 Kinderheime in Mecklenburg. Hier wurden unter katastrophalen hygienischen Zuständen die Kinder verwahrt. Viele erkrankten an Typhus und Krätze, viele Kinder starben, ein unvorstellbarer Horror.
Auch derzeit gibt es weltweit über 150 Millionen Waisen, zumeist in Entwicklungsländern, darunter auch Millionen sogenannte Aids-Waisen. Abhilfe im Meer der Finsternis versuchen mit gutem Erfolg die SOS-Kinderdörfer in aller Welt zu schaffen, diese bieten aufgrund der überwältigenden Masse an Kindern nur einen Tropfen auf den berüchtigten heißen Stein. Ja, ich weiß, dieser Bericht war eine schwere Kost.

Dieser Artikel ist ein Teil der Magazinreihe „Damals & heute“, herausgegeben von FUNKE Medien Niedersachsen GmbH. Text von Dirk Teckentrup – Ihr Immobilienmakler Braunschweig.

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